Creme Mouson

Creme Mouson

Veröffentlicht:

Ein Gastbeitrag zum Erinnerungsprojekt von Wolfgang Siano: "Creme Mouson im Nachttopf"*

 

 

 

                                                                      What’s in a name? /   That which we call a rose

                                                                       By any other name / Would smell as sweet.

                                                                             W. Shakespeare,  Romeo and Juliette

                                                              

 

Riechen Embryos bereits im Mutterleib? Ich weiß es nicht, kann es mir aber gut vorstellen, denn meine Mutter wusste Zeit ihres Lebens: Babys riechen unvergleichlich. Riechen und Gerochenwerden verschmelzen in solchem Wissen zu einer Einheit, die vor aller Wissenschaftlichkeit spekulative Begründungsmacht erlangt. Die Ungeschiedenheit kreatürlichen Daseins lässt uns in der Welt sein, bevor wir uns auf ihr aus bewusster Erinnerung zu ihr verhalten.

Der Geruch ist eine instinkthafte, eine animalische Form der Erinnerung vor der Erinnerung, die dem Bewusstsein als dessen eigener Vorlauf immer schon innewohnt, ihm eine reflexhafte Orientierung aus eigener Begründung vorgibt. Deren Spontaneität erneuert das Selbstverständnis ungeschiedenen Daseins, und es kehrt wieder im Gebrauch der Wörter. Aus der Sprache steigen Gerüche empor. Es duftet, müffelt oder stinkt aus unvordenklichen Schichten der Erinnerung, die durch darin aufsteigende Schlüsselreize zur Sprache kommen und über deren Artikulation immer weiter in die Erinnerung zurückführen.

Auch Bilder sind Artikulationsweisen der Sprache, und wenn ich versuche, meinem eigenen Geruchswissen auf die Spur zu kommen, dann steigen aus halluzinativ entborgenen Duftregionen der Name ‚Creme Mouson’ und die Vorstellung einer Postkutsche in einem altrosa und elfenbein-cremefarbenen Schriftbild auf. Das war die Nachtcreme meiner Großmutter, die, es waren die frühen fünfziger Jahre, vermutlich noch in einer Zinntube verkauft wurde.

Ich hatte eine junge Omi; sie war bei meiner Geburt 48 Jahre alt, doch begann ihre Haut schon früh faltig zu werden, und so saß sie jeden Abend vor dem Schlafengehen auf dem Rand ihres Bettes und verteilte die ‚Creme Mouson’ mit liebevollem Nachdruck auf Gesicht und Armen. Ich lag während dessen nahe der Ritze des Ehebetts, das sie mit meinem Großvater teilte und wartete darauf, dass ich mich endlich an sie schmiegen konnte – die ‚Ritze’ war zu hart - , eingehüllt in das Amalgam aus ‚Creme Mouson’ und der Wärme ihres Körpers, die den Duft der Creme entfaltete und sich intensiv mit dem Flausch ihres Flanellnachthemds verband.

Ich war geborgen in einer Welt wohliger, osmotischer Intimität, die mich durchdrang, bis Omi morgens, in aller Herrgottsfrühe, das Bett verließ, um in der Küche, dem einzig beheizten Raum des Hauses, den Herd anzumachen. Nun lag das Plumeau aufgeschlagen, die Federn waren und rochen kalt, ein wenig nach totem Gefieder, und ich drehte mich, über die Ritze hinweg, zu Opis, meines Großvaters Schlafkuhle hin.

Hier war die Stofflichkeit der Gerüche herber, irgendwie strenger und das Gewebe von langer Unterhose und dem Unterhemd, in denen er schlief, nicht so flauschig, im Ganzen von einer andersartigen Anschmiegsamkeit. Auch atmete er schwer – er hatte Asthma – und seine Brustbehaarung war kratzig wie seine Bartstoppeln am frühen Morgen, diese eher noch mehr. Die einzige weiche Stelle an seinem Körper mied ich zu berühren, und wenn es doch versehentlich passierte, zuckte meine Hand zurück, nicht aus Angst, sondern aus Scheu vor einer Intimität, die so verschieden war von Omis.

Seinen Körper umströmte eine Wolke naturbelassener Gerüche, die sich, besonders in der kalten Jahreszeit, zu einer diffundierenden Skulptur ausformte, wenn er, auf der Bettkante sitzend, seine Blase in den Nachttopf entleerte. Die Selbstverständlichkeit, mit der dies geschah, schloss die Anwesenheit des Kindes mit ein. Es war weder peinlich noch anzüglich, vielmehr vertraute Nähe, die in der Erinnerung als die Erinnerung an eine unverstellte Aufmerksamkeit für die Art und Intensität von Gerüchen bei unterschiedlichen Temperaturen und stofflichen Gegebenheiten sich wiederherstellt. So, wie im Winter die Kruken, die die Betten anwärmten, unterschiedlich rochen, wenn sie am Morgen kalt geworden waren. Die ovale, gekaufte, bestand aus Kupfer und sie roch dann wie Kupfer, die zylindrische, nach dem Krieg aus einer Granathülse ,auf der Bahn’ selbstgedreht, roch wie Messing.

Die Wohligkeit, die das Vertrautsein mit Opis naturbelassener Geruchswolke erzeugte, lag im Selbstverständlichen dieser Art des Vertrautseins, sie war der Innenraum einer Weltzugewandheit, die sich im Sprechen artikulierte und sich im Zuhören erfüllte. Opi hatte morgens Zeit, er war arbeitslos, und er hatte die Welt gesehen – zumeist in einem Umkreis von vielleicht 50 Kilometern. Von dieser Welt erzählte er mir, wenn wir wach wurden, d.h. meistens habe ich ihn geweckt, weil ich seine Geschichten immer wieder hören wollte. Und darüber freute er sich, so, wie ich im Strom seiner Worte, dem Klang seiner Stimme versank, weshalb ich an die Artikulation dieser Stimme keine Erinnerung mehr habe, wohl aber an die Wärme und den Geruch seines Atems.

 

Wolfgang Siano, 2017 

* Dieser Text wurde erstmals geschrieben für das Projekt "Der Koffer meines Großvaters" der Künstlerin Ina Abuschenko-Matwejewa, bei dem es um die Erinnerung an Gerüche geht. http://ina-abuschenko-matwejewa.de/installationen/

Wolfgang Siano, geboren 1948, ist Kunsthistoriker und Kurator. Er befasst sich in seinen Schriften mit der Frage "Wie kommt die Kunst in die Kunst?" und einer Möglichkeit, in Zeiten der Globalisierung und der gleichzeitigen künstlerischen Produktion mehrerer Generationen gänzlich verschiedener Herkünfte einen verbindlichen Diskurs über Kunst zu führen. Seit den 1980er Jahren begleitet er zahlreiche KünstlerInnen wie ter Hell, Reinhard Pods, Gerd Rohling, Ina Lindemann, Eva Schlutius, Olaf Metzel u.a. 

Foto: privat