Erinnern, erfinden, erzählen

Erinnern, erfinden, erzählen

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Und ist das Erzählen nicht doch mehr als Festhalten von etwas, das du erlebt hast, entwickelt es nicht mmer ein Eigenleben? Niemand weiß ja, nicht einmal du selbst, was dich im Inneren bewegt hat, als du dieses oder jenes erlebt hast. Niemand kennt deine Gefühle und Empfindungen, und an welcher Stelle deine Erfindungen beginnen. Wann du erfindest, um dir selbst diese Empfindungen klarzumachen, oder sie abzuändern, oder doch etwas ganz Neues zu entdecken, auf das du im Leben nicht gekommen wärst? Was ist denn dieses komische Leben? Wie schnell es rauscht, ein Satz fällt, eine Geste wird gemacht, und zack, ein Gefühlssturm wird ausgelöst, ein Mann ins Meer gestoßen, eine Frau schwanger, was ist das nur?

Und welcher Schriftsteller, im Ernst, und welche Schriftstellerin, erfindet in einem vollkommenen Sinn, eine „reine“ Erfindung? Lassen sich in der absurdesten Geschichte eines Damil Charms etwa nicht Partikel von etwas finden, das er erlebt hat, erlebt im Sinne von gefühlt und empfunden und gedacht? Das Denken wird leider unterschätzt; das Erfinden und Erzählen ist ja unbedingt auch eine Form des Denkens. Das Re-flektieren, da steckt es drin, das Re, zurück und wieder in einem, das Spiegeln, diese tiefe Notwendigkeit, aber ein lebendiger Spiegel muss es sein, nicht die kalte Fläche eines einsamen Narziss, falsch gesagt, eine Verschiebung, nicht die kalte Fläche eines toten Spiegels, in die er starrt, der einsame Narziss. Das macht seine Augen auch so kalt, das ist der Spiegel, in den er dich stellt. 

Hah, das Erzählen ist doch letztlich so eine Art Verschiebebahnhof, Dinge, die jemand erlebt hat, werden ein bisschen verschoben, von hier nach Buxtehude, von heute nach vorgestern, und darin wird etwas verborgen, das wirklich ist, lebendig und erlebt.     

    Ach, Kindchen, was erzählst du da! 

    Was ... ?

    Erzähl mir doch lieber etwas Richtiges, nicht diese krausen Gedanken!

    Großmutter, erzähl du mir, erzähl mir etwas, damit ich es mir nicht ausdenken muss.

Wenn du es erzählst, gewinnt es dann eine andere Wirklichkeit? Vor allem, wenn dir jemand zuhört, jemand, den du dir wünschst, der aber am Ende, sonst bliebe es ja ein Selbstgespräch, wirklich existiert? Wird dir dann das Ersehnte im Erzählten, wie ein anderes Erleben, geschenkt? Wird mir meine kleine Großmutter geschenkt, wenn ich dir hier von ihr erzähle, und wenn ich weiß, du hörst mir zu?

 

„Erinnern, wiederbeleben, phantasieren und träumen; die Integration von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“  D.W. Winnicott. Psychoanalytiker.